4. Juli 2026, 14:48

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Trentino erlaubt Bogenjagd auf Wildschweine – gegen ein Problem, das die Hobby-Jagd selbst geschaffen hat

Das Tessin bejagt Wildschweine ganzjährig, tags und nachts, und trotzdem verdoppelt sich die Strecke. Warum die neue Bogenjagd im Trentino nichts löst, sondern nur mehr Tierleid schafft.

Die norditalienische Region Trentino will ab 2027 die Bogenjagd auf Wildschweine erlauben, um die wachsende Population einzudämmen.

Was als moderne Regulierungsmassnahme verkauft wird, ist in Wahrheit der nächste Schritt in einem Teufelskreis, den die Hobby-Jagd selbst in Gang gesetzt hat. Denn die Wildschweinschwemme in Italien ist kein Naturphänomen, sondern zu einem wesentlichen Teil das Ergebnis jagdlicher Eingriffe.

Hobby-Jäger haben die Wildschweine selbst eingeführt

Der Ursprung der italienischen Wildschweinschwemme liegt bei der Hobby-Jagd. Weil der heimische Bestand Anfang des 19. Jahrhunderts stark geschrumpft war, führten Hobby-Jäger gezielt grössere, vermehrungsfreudigere Wildschweine aus Ungarn und anderen osteuropäischen Ländern ein und setzten sie aus, um weiterhin jagen zu können. Diese osteuropäischen Tiere unterscheiden sich grundlegend von der ursprünglich in Italien heimischen Art.

Während eine Bache des einheimischen italienischen Wildschweins durchschnittlich nur zwei bis vier Junge zur Welt brachte, wirft die osteuropäische Form acht bis zehn Frischlinge pro Jahr und wird bereits im Alter von sechs Monaten geschlechtsreif. Das Ergebnis dieser jagdlich motivierten Auskreuzung ist eine Population, die sich rasant vermehrt und heute in Italien auf über eine Million Tiere geschätzt wird. Innerhalb von zwei Jahrzehnten hat sie sich mehr als verdoppelt.

Die Ironie dabei ist offensichtlich und wird selbst in italienischen Medien so benannt: Es sind die Hobby-Jäger, die diese Plage verursacht haben. Wer heute mit noch mehr und noch neueren Jagdmethoden gegen die Wildschweine vorgehen will, bekämpft ein Problem, das ohne die Hobby-Jagd in dieser Form gar nicht bestünde.

Warum Bejagung die Vermehrung sogar ankurbeln kann

Der Trugschluss, dass mehr Hobby-Jagd automatisch weniger Wildschweine bedeutet, hält sich hartnäckig, obwohl die Wildbiologie ein anderes Bild zeichnet. Wildschweine reagieren auf hohen Bejagungsdruck mit gesteigerter Reproduktion. Dieser kompensatorische Effekt ist ein natürlicher Ausgleichsmechanismus: Wird eine Population stark dezimiert, setzen frühere Geschlechtsreife und grössere Würfe ein.

Hinzu kommt die soziale Struktur der Rotte. Eine erfahrene Leitbache steuert den Fortpflanzungsrhythmus der Gruppe und unterdrückt die Frühreife der jüngeren Bachen. Wird sie geschossen, zerfällt diese Ordnung, und die Jungbachen werden früher und zahlreicher trächtig. Die Hobby-Jagd trifft überproportional häufig genau die falschen Tiere und beschleunigt so unbeabsichtigt die Vermehrung.

Ein dritter Faktor ist die Kirrung, also das Anlocken der Tiere mit ausgelegtem Futter, meist Mais, um sie leichter erlegen zu können. Diese Zusatznahrung verbessert die Kondition der Tiere und ihren Bruterfolg und trägt damit direkt zur Vermehrung bei. Die Hobby-Jagd füttert also im Wortsinn ihre eigene Beute heran und schafft sich das Problem, das sie zu lösen vorgibt.

Das Tessin beweist es mit Zahlen: Jagd reguliert nicht, sie reproduziert

Wohin die osteuropäischen Wildschweine über die Grenze wandern, lässt sich in der Schweiz besichtigen. Im Kanton Tessin wird Schwarzwild ganzjährig, tags und nachts, flächendeckend bejagt. Wenn intensive Hobby-Jagd tatsächlich regulieren würde, müssten die Bestände sinken. Das Gegenteil ist der Fall.

Die Abschussstatistik lässt keinen Interpretationsspielraum: Wurden im Tessin 2015 noch 1437 Wildschweine erlegt, waren es 2024 bereits 2904, eine Verdoppelung innert zehn Jahren. Allein zwischen 2022 und 2024 stiegen die Abschüsse um 73 Prozent. In keinem einzigen Jahr dieser Dekade ging die Zahl der erlegten Tiere trotz stetig gesteigerter Jagdintensität dauerhaft zurück, und dies bei rund 880 Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jägern im ganzjährigen Einsatz. Die Jagdstrecke wächst also Jahr für Jahr, statt zu schrumpfen. Das ist kein Zeichen erfolgreicher Regulierung, sondern das Gegenteil.

Der Grund ist wissenschaftlich beschrieben. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) berechnete 2014, dass jährlich unter günstigen Bedingungen über 67 Prozent des Bestands entnommen werden müssten, um eine dauerhafte Reduktion zu erreichen. In offenen Populationen mit ständiger Zuwanderung aus Nachbargebieten ist dieser Wert praktisch nicht erreichbar, die tatsächliche Abschussquote in der Schweiz liegt bei rund 40 Prozent. Alles darunter bewirkt keine Reduktion, sondern setzt lediglich den kompensatorischen Vermehrungsmechanismus in Gang, der die Bestände zusätzlich anheizt.

Bemerkenswert deutlich wird dieser Zusammenhang von jagdlicher Seite selbst bestätigt. Der bekannte deutsche Wildschweinkenner Norbert Happ hielt in der Fachzeitschrift «Wild und Hund» fest, die Nachwuchsschwemme sei hausgemacht: Ungeordnete Sozialverhältnisse im Schwarzwildbestand seien ausschliesslich der Jagdausübung anzulasten. Deutlicher kann das Eingeständnis kaum ausfallen, dass die Hobby-Jagd das Problem nicht löst, sondern erzeugt. Wie sich das konkret auswirkt, zeigen unsere Beiträge zur nächtlichen Wildschweinpirsch in Graubünden und zur Tessiner Jagdbilanz.

Der grössere Teufelskreis: Mais als Mastfutter

Die Kirrung ist nur die kleinere Hälfte des Nahrungsproblems. Der grössere Teil liegt in der Landschaft selbst. In Mitteleuropa nimmt die Wildschweinpopulation vor allem durch den stark ausgeweiteten Maisanbau zu. Maisfelder bieten dem Schwarzwild über Monate Deckung und eine energiereiche, verlässliche Nahrungsquelle.

Entscheidend ist dabei ein Puffereffekt. Früher schwankten die Wildschweinbestände natürlich mit den Waldfrüchten: In guten Eichel- und Buchenmastjahren gab es viel Nachwuchs, in schlechten Jahren brach die Vermehrung ein. Genau dieser natürliche Regulator ist heute ausser Kraft gesetzt. Fällt die Waldmast aus, wird sie durch den flächendeckenden Maisanbau kompensiert. Die Tiere finden immer Nahrung, gute wie schlechte Jahre führen gleichermassen zu hohem Bruterfolg.

Und hier schliesst sich der Kreis zur Tierhaltung. Der grösste Teil des angebauten Maises ist kein Nahrungsmittel für Menschen, sondern Mastfutter für Nutztiere. Rund zwei Drittel der Maisproduktion fliessen in die Tierfütterung. Die industrielle Fleischproduktion schafft also über ihren gewaltigen Futterbedarf erst die Landschaft, in der sich Wildschweine grenzenlos vermehren können. Wer diese Wildschweine anschliessend mit immer neuen Jagdmethoden bekämpft, behandelt ein Symptom, dessen Ursache in der Art unserer Landwirtschaft und unseres Fleischkonsums liegt. Ein Teufelskreis, an dessen Anfang und Ende jeweils der Mensch steht, nie das Tier.

Die Bogenjagd ist aus Tierschutzsicht besonders problematisch

Dass die Bogenjagd nun als schonende Alternative zur Feuerwaffe präsentiert wird, weil der Lärm von Schusswaffen andere Tierarten störe, verkehrt die Tierschutzfrage ins Gegenteil. Der Pfeil tötet nicht durch Schockwirkung, sondern durch Verbluten. Ein nicht sofort tödlich getroffenes Tier flüchtet mit dem Pfeil im Körper und verendet oft erst nach langer Zeit und auf langer Fluchtstrecke qualvoll. Die Chancen, ein Tier mit Pfeil und Bogen zu erlegen, sind etwa zehnmal kleiner als mit dem Gewehr.

Was für die Rotte akustisch schonender sein mag, bedeutet für das einzelne getroffene Tier ein erhöhtes Risiko eines langen, leidvollen Sterbens. Durch das Geräusch der Sehne könne das Tier beim Schuss zusammenzucken, der Pfeil treffe dann oft nicht tödlich, sondern verletze das Tier nur; dies könne zu «unnötigem Leid» führen. Eine Massnahme, die das Tierwohl derart nachrangig behandelt, taugt nicht als Fortschritt, sondern ist ein Rückschritt im Umgang mit fühlenden Wildtieren.

Der eigentliche Regulator wird bekämpft statt geschützt

Die nachhaltige Antwort auf zu hohe Wildschweinbestände liegt nicht in immer neuen Jagdmethoden, sondern in funktionierenden Ökosystemen mit intakten Beutegreifern. Wolf und Luchs regulieren Wildbestände auf natürliche Weise, ohne kompensatorische Vermehrungsschübe auszulösen, weil sie das Verhalten und die Raumnutzung ihrer Beute verändern, statt sie bloss zahlenmässig zu reduzieren.

Genau diese Beutegreifer werden jedoch vielerorts selbst bejagt oder ihre Rückkehr behindert, wie der aktuelle Fall im Wallis zeigt, wo als erster Kanton der Schweiz Luchse abgeschossen werden sollen. Rehe, Gämsen und Wildschweine dienen als Beutetiere in erster Linie den Beutegreifern als Nahrungsgrundlage und nicht der Hobby-Jagd. Solange die natürlichen Regulatoren verfolgt und die Bestände jagdlich künstlich hochgehalten werden, bleibt jede Abschusskampagne ein Kampf gegen die Folgen der eigenen Eingriffe.

Kein Nutzen, nur mehr Leid

Fügt man die Belege zusammen, bleibt von der angeblichen Regulierungsmassnahme wenig übrig. Die Wildschweinschwemme in Italien entstand durch jagdliche Aussetzungen. Sie wächst trotz ganzjähriger, flächendeckender Bejagung weiter, weil Abschuss unterhalb der kritischen Entnahmeschwelle die Vermehrung sogar ankurbelt. Genau an dieser Mechanik ändert die Bogenjagd nichts. Ein Pfeil hebt die Entnahmequote nicht über den nötigen Wert, im Gegenteil: Bogenjagd hat eine geringere Reichweite und Trefferpräzision als das Gewehr und tötet damit tendenziell weniger Tiere pro Ansitz, nicht mehr.

Was die Bogenjagd sehr wohl verändert, ist das Leiden des einzelnen Tieres. Der Pfeil tötet durch Verbluten, das bedeutet im Fall eines Fehlschusses einen verlängerten Todeskampf. Die Begründung, das Verfahren sei schonender, weil es andere Tierarten weniger durch Lärm störe, verlagert die Belastung lediglich vom Umfeld auf das getroffene Tier.

Damit bleibt die entscheidende Frage: Wenn eine Methode die Bestände nicht wirksamer senkt, sondern nur qualvoller tötet, wozu dann überhaupt? Die naheliegende Antwort lautet, dass es nicht um Schadensbegrenzung geht, sondern darum, der Hobby-Jagd eine weitere Betätigungsform zu erschliessen. Die Bogenjagd gilt in Jagdkreisen als sportliche Herausforderung. Die Wildschweinschwemme, welche die Hobby-Jagd selbst mitverursacht hat, liefert dafür die willkommene Rechtfertigung. Am Ende steht kein gelöstes Problem, sondern zusätzliches Tierleid.

Jagd als Eventkultur: Wie Sustenpass und Rouchgrat die Natur zur Schiesskulisse machen

Sustenpass und Rouchgrat werden zur Schiesskulisse der Hobby-Jagd – mit Festwirtschaft, Waffenmesse und Jungjagenden. Und dieselben Kreise beklagen später «zu viel Störung» beim Wild.

Unter Titeln wie «Pirsch am Sustenpass» und «Pirschgang Rouchgrat» inszeniert der Berner Jägerverband Bergwelt und Emmentaler Hügellandschaft als Bühne für Schiessfreizeit, Festwirtschaft und Waffenmarketing.

Was nach «Ausbildung» oder «Vorbereitung auf die Jagd» klingt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Eventkultur mit klaren Mustern: ganztägige bis mehrtägige Programme, durchgehend geöffnete Festwirtschaft, Schiessparcours, Händlerstände und Tombola.

Die Grundlinie der Kritik an der Hobby-Jagd in der Schweiz hat wildbeimwild.com im Positionspapier «Hobby-Jagd in der Schweiz» bereits festgehalten. Sustenpass und Rouchgrat liefern dafür exemplarische, aktuelle Beispiele direkt aus dem Berner Jagdumfeld.

Sustenpass: Pirsch mit Festwirtschaft und Waffenmesse

Die «Pirsch am Sustenpass» wird als jagdlicher Anlass in alpiner Landschaft beworben – mit durchgehend geöffneter Festwirtschaft, Anbietern von Optik, Jagdwaffen, Jagdbekleidung und Schuhwerk, Schiessparcours und Treffsicherheitsnachweis. Pro Durchgang wird ein Unkostenbeitrag erhoben, differenziert nach Verbandsmitgliedern und «allen anderen».

Statt von einer behutsamen Nutzung der Bergwelt zu sprechen, zeigt sich eine klare Eventlogik: Wer zahlt, darf schiessen. Wer Ruhe und Natur sucht, muss sich mit Lärm, Menschenmengen und Waffenpräsenz arrangieren. Die Bergwelt wird zur Kulisse für Hobby-Schützen und Waffenhändler – Wildtiere werden zu Statisten in einem inszenierten Jagderlebnis. Einen breiteren Kontext zur Situation in Bern liefert das Dossier «Hobby-Jagd im Kanton Bern», das die Entwicklung der jagdlichen Praxis im Kanton nachzeichnet.

Rouchgrat: Ganztägiger Pirschgang im Emmental

Der «Pirschgang Rouchgrat» in Röthenbach i.E. folgt demselben Drehbuch, nur in anderer Landschaft. Über zwei Tage werden ganztägige Schiessblöcke organisiert, geführt von der Schiesskommission des Berner Jägerverbandes. Eingeladen sind Jagende aus dem Kanton Bern und von ausserhalb, inklusive Jungjagenden in kleinen, geführten Gruppen.

Das Angebot ist umfassend: Kugelparcours mit unterschiedlichen Zielen und Distanzen, Rollhase, durchgehend geöffnete Festwirtschaft, Händler für Optik, Jagdwaffen, Bekleidung und Schuhe, dazu eine «grosse Verlosung mit attraktiven Preisen». Auch hier wird ein Unkostenbeitrag pro Pirschgang fällig – der Naturraum wird zu einem bezahlten Freizeitevent mit Waffenmesse und Schiessbetrieb.

«Pirsch» als Marketingwort – Hightech-Event statt leiser Annäherung

Was in den Ausschreibungen und Videos romantisierend als «Pirschgang» verkauft wird, hat mit der klassischen Vorstellung von leiser, respektvoller Annäherung an Wildtiere wenig zu tun. Stattdessen stehen Jagende in den Werbevideos an fixen Posten, liegen bequem hinter Auflagen und schiessen mit modernster Optik und Waffen auf künstliche Zielobjekte und Rollhasen. Die Natur ist Kulisse, nicht Partnerin: Es wird nicht beobachtet, sondern geballert – mit neuester Technik, Festwirtschaft im Rücken und Händlerständen in Reichweite. «Pirsch» dient hier vor allem als schönes Wort für ein Hightech-Schiess-Event, das Wildtiere und Landschaft ein weiteres Mal zur Bühne der Hobby-Jagd degradiert.

Wiederkehrende Eventstruktur statt Einzelfall

Sustenpass und Rouchgrat sind keine Ausrutscher, sondern Glieder in einer Kette. Die Muster sind immer gleich:

  • Organisation durch Jagdverbände und Schiesskommissionen
  • ganztägige oder mehrtägige, klar strukturierte Programmblöcke
  • Schiessparcours, bewegliche Ziele, Schiessnachweise
  • durchgehend geöffnete Festwirtschaft
  • Händlerpräsenz für Optik, Waffen, Ausrüstung
  • Zusatzanreize wie Tombola und «attraktive Preise»
  • freundliche Eventkommunikation mit YouTube-Links «zum Einstimmen»

So entsteht ein jagdlicher Eventkalender, der Berg- und Hügellandschaften systematisch für Schiessfreizeit verplant. Der öffentliche Naturraum wird zum Erlebnispark einer kleinen, bewaffneten Interessengruppe, die sich selbst als «Partner des Wildtierschutzes» inszeniert.

Sicherheitsrhetorik verdeckt Wildtierbelastung

Beide Anlässe schmücken sich mit detaillierten Sicherheits- und Munitionsregeln: Verbot von Vollmantelgeschossen, Pflicht zu Stahlschrot, Schutzbrillen-Obligatorium, Munitionskauf vor Ort, Auswahl an verschiedenen Kalibern, Treffsicherheitsnachweis im Büro. Für ausländische Teilnehmende wird auf Bewilligungspflichten für Schalldämpfer hingewiesen.

Diese Regelwerke wirken nach aussen seriös und professionell, lösen aber das eigentliche Problem nicht: Stunden- und tageweise Schiessbelastung in Lebensräumen, in denen Wildtiere auf Ruhe angewiesen sind und in denen sich gleichzeitig Wandernde, Familien und andere Naturfreundinnen bewegen. Die «Sicherheit» bezieht sich auf den Umgang mit Waffen, nicht auf den Schutz von Wildtieren, Ruhezeiten oder störungsarme Zonen.

Jungjagende im Störungsmodus sozialisiert

Besonders brisant ist die Einbindung von Jungjagenden. Am Rouchgrat werden sie in kleinen, geführten Gruppen durch einen Parcours geführt, der Festwirtschaft, Schiessparcours, Händler und Eventstimmung kombiniert. Damit wird eine Sozialisation gefördert, in der Natur vor allem als Trainingsplatz, Wild als abstrakte Zielgruppe und Schiessen als Event mit Community-Charakter erlebt wird.

Wer so an die Hobby-Jagd herangeführt wird, lernt kaum, Wildtiere als schutzbedürftige Mitbewohner anzuerkennen, die Ruhe, Rückzug und störungsarme Lebensräume benötigen. Stattdessen verfestigt sich eine Kultur der Dauerpräsenz, des Lärms und der Aneignung öffentlicher Räume durch die Jagdlobby.

Doppelmoral: Klagen über «Störung» bei gleichzeitigem Eventtourismus

Parallel zu dieser Eventkultur berichten Ämter und Jagdverantwortliche, etwa im Kanton Graubünden, von zunehmender Störung des Wilds. wildbeimwild.com hat dies im Beitrag «Graubünden: Jagdamt meldet sinkende Hirschbestände und mehr Störung des Wilds» ausführlich dokumentiert.

Damit entsteht eine offensichtliche Doppelmoral: Jagdverbände tragen mit ihren Events massgeblich zur Störung bei und nutzen die dadurch mitverursachten Probleme, um ihre Position als angeblich unverzichtbare «Regulatoren» und «Manager» des Wilds zu stärken. Die Störung wird zuerst produziert, dann beklagt, und schliesslich als Argument für mehr Hobby-Jagd eingesetzt.

Ein Blick in andere Regionen, etwa den Kanton Tessin, zeigt, dass ein anderer Weg möglich ist. In Beiträgen wie «Kanton Tessin wehrt sich gegen Hobby-Jäger» wird deutlich, dass Behörden und Bevölkerung jagdliche Freizeitaktivitäten durchaus hinterfragen und bremsen können.

Wildtierschutz statt Schiess-Eventkalender

Aus Sicht des Wildtierschutzes ist diese Entwicklung nicht hinnehmbar:

  • Sensible Berg- und Hügellandschaften brauchen echte Ruhezonen statt Dauerbeschallung durch Schiessanlässe mit Festwirtschaft und Waffenmesse.
  • Jagdliche Events müssen, wenn überhaupt, drastisch reduziert, streng bewilligt und konsequent an den Bedürfnissen von Wildtieren und nicht an Freizeitbedürfnissen ausgerichtet werden.
  • Die Rolle der Jagdverbände als «Partner des Wildtierschutzes» ist nicht glaubwürdig, solange sie Naturflächen in Serien-Eventflächen verwandeln.

Solange Sustenpass, Rouchgrat und ähnliche Anlässe selbstverständlich im Eventkalender der Jagdverbände auftauchen, bleibt die Behauptung, die Jagd sei primär ein Dienst an der Natur, eine PR-Formel. Wer Wildtiere ernsthaft schützen will, muss die Natur aus der Logik der Schiess-Events herauslösen und Ruhezonen schaffen, in denen nicht Festwirtschaft und Waffenstände, sondern Wildtiere und leise Naturerfahrung im Zentrum stehen.

Duftbarrieren statt Abschuss: Neue Wolfsstudie aus Neuenburg

Wie Wölfe über Urin kommunizieren und warum das ein Weg zu nichttödlichem Herdenschutz sein könnte.

Ende Juni 2026 hat der Schweizerische Nationalfonds eine Studie der Universität Neuenburg vorgestellt, die untersucht, wie Wolfsrudel auf die Urinmarkierungen fremder Artgenossen reagieren.

Während mehrere Kantone ihre Abschusszahlen ausweiten und die Politik über feste Obergrenzen für den Wolfsbestand streitet, richtet ein Forschungsteam den Blick auf eine ganz andere Frage: Lässt sich das Verhalten von Wölfen über Gerüche beeinflussen, ohne zum Gewehr zu greifen? Beantwortet ist das noch nicht, doch die Grundlagen dafür werden nun im Labor erarbeitet.

Wie das Experiment aufgebaut war

Zwischen April und Juni 2024 konfrontierten Forschende der Universität Neuenburg fünf Rudel in vier Schweizer Tierparks mit fremden Gerüchen. Dazu montierten sie Duftstationen aus einer Aluminiumplatte rund 30 Zentimeter über dem Boden, um die natürliche Höhe einer Markierung nachzubilden. Auf die Platten gaben sie jeweils drei Milliliter Wolfsurin und täuschten so die Anwesenheit eines rudelfremden Tieres vor. Zur Kontrolle diente menschlicher Urin, damit sich die Reaktion auf einen vermeintlichen Eindringling von der blossen Neugier auf etwas Unbekanntes trennen liess. Beobachtet wurden dreizehn Tiere, davon sechs Leittiere und sieben rangniedrigere Wölfinnen und Wölfe, durchgehend erfasst mit Kamerafallen.

Leittiere mit Nachwuchs reagieren am stärksten

Das Resultat fiel deutlich aus: Tiere mit eigenem Nachwuchs beschäftigten sich merklich häufiger mit fremden Duftmarken als rangniedrige oder junge Rudelmitglieder. «Diese Tiere haben mehr zu verlieren», fasste die betreuende Verhaltensforscherin das Muster zusammen. Wer ein Territorium, Junge und einen Partner habe, schenke sozialen Signalen mehr Aufmerksamkeit. Insgesamt näherten sich die Leittiere den Duftstationen doppelt so oft wie die untergeordneten Tiere. Beim Wolfsurin trat das Erkundungsverhalten rund dreizehnmal häufiger auf als beim menschlichen Vergleichsgeruch. Bei den rangniedrigen Tieren liess sich dagegen kaum ein Unterschied zwischen den beiden Gerüchen feststellen; die meisten beschnupperten die Stationen nur kurz.

Wie stark der soziale Rang das Verhalten prägt, zeigte ein Einzelfall. Eine junge, rangniedrige Wölfin blieb bei einem Vorversuch im Dezember 2023 unbeeindruckt vom Geruch fremder Artgenossen. Nachdem sie in einem anderen Rudel selbst zum Leittier aufgestiegen war, reagierte sie deutlich ausgeprägter, ein Befund, der sich ein halbes Jahr später bestätigte. Eine Duftmarke ist damit keine mechanische Auslösung, sondern eine soziale Information, die je nach Stellung im Rudel unterschiedlich gelesen wird.

Vom Duftprofil zur Duftbarriere

Das langfristige Ziel der Forschenden ist ehrgeiziger als das Experiment selbst. Gemeinsam mit einem Biochemiker wollen sie Duftprofile nach Geschlecht, Alter und sozialem Status erstellen und deren Wirkung zuerst in Tierparks, später in freier Wildbahn prüfen. Am Horizont steht die Idee sogenannter Duftbarrieren, mit denen sich Herden vor Wölfen schützen liessen, ohne die Tiere zu töten. Solche «biofences» wurden bei Wildhunden und Kojoten bereits erprobt, gründlich untersucht sind sie bislang nicht. Eine wesentliche Einschränkung der aktuellen Studie: Der verwendete Wolfsurin stammte aus den USA und liess sich keinem bekannten Tier zuordnen. Die Forschenden betonen selbst, dass es noch Jahre dauern dürfte, bis daraus ein verlässliches Instrument für den Feldeinsatz wird.

Warum das für die Schweizer Wolfspolitik zählt

Der Befund trifft auf eine Debatte, die überwiegend über das Gewehr geführt wird. Während einzelne Kantone Rudel dezimieren und der Bund politisch definierte Bestandsziele erwägt, bleibt der nicht tödliche Herdenschutz das Stiefkind der offiziellen Wolfspolitik. Dabei zeigt gerade die Alpenpraxis, dass konsequenter Herdenschutz wirkt, und der Kanton Genf belegt seit 1974, dass ein Wildtiermanagement ohne Freizeitjagd funktioniert. Eine Forschung, die das Kommunikationssystem der Wölfe entschlüsselt, statt es mit Abschüssen zu unterbrechen, passt in genau diese Logik: Sie sucht nach Werkzeugen der Koexistenz, nicht nach neuen Rechtfertigungen für den Abzug. Wie tief die Abschusslogik in den staatlichen Umgang mit Beutegreifern eingesickert ist, dokumentiert unser Dossier «Wolf in der Schweiz: Fakten, Politik und die Grenzen der Jagd».

Graubünden: Jagdamt meldet sinkende Hirschbestände und mehr Störung des Wilds

Der Kanton Graubünden klagt über gestörtes Wild und feiert die Hobby-Jagd als Regulierung, dabei senken Wolf und Luchs die Hirschbestände, während Hobby-Jäger das Wild ganzjährig aufscheuchen.

Das Wild in Graubünden hat kaum mehr Ruhe, das sagt der Kanton selbst. Und trotzdem inszeniert er die Hobby-Jagd als Lösung, während Wolf und Luchs die eigentliche Regulierungsarbeit leisten.

Der Kanton klagt über den «Störfaktor Mensch»

Wenn das Amt für Jagd und Fischerei öffentlich festhält, dass das Wild «kaum mehr Ruhe» hat und immer stärker durch den Menschen gestört wird, ist der Befund klar: Das Hauptproblem ist nicht der Hirsch, sondern der Mensch im Lebensraum Hirsch. Besonders ehrlich wird der Kanton, wenn er von «Störfaktor Mensch» spricht und gleichzeitig darauf hinweist, dass Gemeinden Wege sperren und Zutritte in Wildeinstandsgebiete einschränken können.

In der Praxis sind Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger genau dort unterwegs, wo das Wild Ruhe bräuchte: in Einständen, an Wechseln, in lawinengefährdeten Schutzwäldern, auf offenen Flächen mit guter Sicht. Hochjagd, Niederjagd, Sonderjagd und spezifische Einsätze wie die nächtliche Wildschweinjagd erzeugen eine jagdliche Dauerpräsenz, die sich nicht auf wenige Wochen im Herbst begrenzen lässt, sondern faktisch über viele Monate reicht, tagsüber und nachts, Jahr für Jahr. Eine gute Übersicht zu diesem jagdlichen Dauermodus liefert der Beitrag «Jagdvorschriften Graubünden: Regeln in der Kritik».

Genau hier zeigt sich ein Widerspruch, der einen Namen hat. Adrian Arquint klagt öffentlich, das Wild in Graubünden werde «ständig aufgescheucht» und die Störungen hätten «in der Nacht und während der Jagden zugenommen». Gleichzeitig treibt er als Co-Leiter des Amts für Jagd und Fischerei genau diese Entwicklung voran, indem er immer neue jagdliche Hilfsmittel und Abschussprogramme als «Leistung der Jägerschaft» verkauft.

Hirschbestände: Reguliert werden sie vor allem durch Wolf und Luchs

Offiziell lobt der Kanton die Hobby-Jägerschaft für eine «Reduktion» der Hirschbestände gegenüber einem zuvor sehr hohen Niveau. Der Hirschbestand sei seit 2020 um einen zweistelligen Prozentsatz gesenkt worden, heisst es. Was in dieser Erzählung fehlt: Der entscheidende ökologische Faktor für die Trendumkehr war nicht plötzlich effizient gewordene Hobby-Jagd, sondern die Wiederansiedlung und Ausbreitung von Wolf und Luchs.

Das zeigt der Artikel «Hobby-Jagd gelobt, Wolf ignoriert»: Zwischen 1999 und 2019 nahmen die Hirschbestände trotz Hoch- und Sonderjagden kontinuierlich zu. Erst mit der Rückkehr des Wolfs und parallel dazu verbesserten Herdenschutzmassnahmen sind rückläufige Zahlen erkennbar, Effekte, die das Amt in seinen Medienmitteilungen kaum erwähnt.

Wo Wolf und Luchs präsent sind, verschiebt sich die Wildverteilung, Hirsche verlieren Kälber, werden im Gelände beweglicher und meiden gewisse Lagen. In einzelnen Regionen werden Rehe und teils auch andere Schalenwildarten deutlich dezimiert, weil Beutegreifer nicht nach Jagdplanung, Kalendereintrag und Freizeitbudget jagen, sondern dort und dann, wo und wann sie Beute machen können. Die natürliche Prädation wirkt täglich, bei jeder Witterung, ohne «Schonzeit» aus Rücksicht auf ein Hobby, wie der Beitrag «Studie: Wolfsrudel sind gut für den Schweizer Wald» ausführlich erläutert.

Gerade der Hirsch zeigt, wie eng die Entwicklung mit Beutegreifern verknüpft ist: Jahrzehntelang stiegen die Bestände trotz Hochjagd und Sonderjagden weiter an. Erst als Wolf und Luchs Raum griffen und Landschaft sowie Wilddichte aus ihrer Sicht «regulierten», konnte der Kanton plötzlich eine politisch gewünschte Bestandsreduktion vermelden und verkauft diesen Effekt öffentlich als Erfolg der Jägerschaft.

Sonderjagd als Offenlegung des jagdlichen Versagens

Die Sonderjagd ist der deutlichste Beweis dafür, dass die Hobby-Jagd in Graubünden ihre eigene Regulierungsideologie nie eingelöst hat. Sonderjagd bedeutet: Die reguläre Jagd hat die Abschussziele nicht erreicht, die Bestände sind zu hoch, der Wald leidet, also müssen zusätzliche Jagdtage organisiert werden, um das Versäumnis zu korrigieren.

Das Dossier «Sonderjagd in Graubünden» zeigt: Solange Sonderjagden angeordnet werden müssen, ist das System der Hobby-Jagd strukturell gescheitert. Die Abschusszahlen werden erst mit administrativ aufgepumpter Jagd erreicht, nicht durch eigenständige, planmässige Regulierung durch die freizeitlich organisierte Jägerschaft.

Noch heute werden teils mehrere tausend Hirsche pro Jahr erlegt, 4’000 bis 5’000 Tiere je nach Jahr. Dass Sonderjagd und extrem hohe Abschusspläne weiterhin «nötig» sind, ist der beste Beleg dafür, dass die Hobby-Jagd es über Jahrzehnte nicht geschafft hat, die Bestände eigenständig auf einem waldverträglichen Niveau zu halten, und dass ein natürlicher Regulator wie der Wolf unverzichtbar ist. Diese Kritik fasst der Artikel «Sonderjagden und die Grenzen der Hobby-Jagd» zusammen.

Niederwild: Wenn «Hege» nur ein anderes Wort für Abschuss ist

Auch beim Niederwild verkauft der Kanton den Abschuss als Fürsorge. Das Amt hält fest, ein intensives jährliches Monitoring überwache die Bestände, Feldhasen und Birkhühner seien vielerorts stabil und auf hohem Niveau, die Jagdbetriebsvorschriften hätten sich für eine «nachhaltige Bejagung» bewährt, und die Jägerschaft setze sich «mit der Hege aktiv für diese Arten» ein. Auf der Hirschtaxation wurden 1’306 Feldhasen mitgezählt, laut Kanton die höchste je erreichte Zahl.

Genau hier zeigt sich, dass «Hege» in diesem System vor allem Abschuss bedeutet. Eine absolute Zählzahl sagt nämlich nichts über die Gesundheit eines Bestandes aus, entscheidend ist die Dichte. Und die fällt auseinander, sobald man Graubünden mit einem jagdfreien Kanton vergleicht.

Graubünden ist der flächenmässig grösste Kanton der Schweiz und erlegt zugleich schweizweit die meisten Feldhasen, zuletzt weit über tausend Tiere pro Saison. Der Feldhase steht landesweit auf der Roten Liste, der Schweizer Durchschnitt liegt bei rund 2 bis 3 Tieren pro 100 Hektaren. Im winzigen Kanton Genf dagegen, einem der kleinsten der Schweiz, wo die Hobby-Jagd seit 1974 verboten ist und professionelle Wildhüter das Management übernehmen, wurde mit 17,7 Feldhasen pro 100 Hektar die höchste Dichte des ganzen Landes gemessen.

Die Botschaft dieser Zahlen ist eindeutig: Dort, wo nicht geschossen wird, sind die Bestände am dichtesten. Wäre die Bejagung tatsächlich «Hege», müsste ausgerechnet der Kanton mit den meisten Abschüssen die höchsten Dichten aufweisen, nicht der Kanton mit dem Jagdverbot. Die Bündner Bestände wären ohne Hobby-Jagd mit grosser Wahrscheinlichkeit höher, nicht tiefer. Details liefern der Beitrag «Wo gibt es noch Feldhasen in der Schweiz» und das Dossier «Wie funktioniert das Genfer Jagdverbot».

Der Hobby-Jäger als durchgehender Störfaktor

Der grösste Störfaktor für das Wild sind nicht ein paar Naturfotografen oder Trailrunner, sondern tausende Hobby-Jäger, die mit Gewehr, Hund, Wärmebildtechnik und Jagdpatent über Monate im Jahr direkt im Einstandsgebiet operieren. Wer mehrere tausend Hirsche pro Saison zum Abschuss ausschreibt, die Hochjagd in zwei Blöcke aufteilt, Sonderjagden organisiert und nächtliche Jagden toleriert, schafft eine Dauerstörung, die kein anderer Nutzungssektor im Gebirge erreicht.

Während Wolf und Luchs auch Ruhephasen für das Wild zulassen und mit natürlicher Frequenz und energetischer Logik jagen, kennt die Hobby-Jagd kaum Pausen. Es wird trainiert, geschossen, beobachtet, mit Wildkameras gearbeitet, mit Autos und Geländefahrzeugen gefahren, mit Hunden gearbeitet. Und neuerdings auch nachts auf Wildschweine angesetzt, wie der Artikel «Graubünden: Hobby-Jagd auf Wildschweine nachts» zeigt.

Kein anderer Nutzungssektor ist so oft mit Waffe, Hund und Fahrzeug im Gelände wie die jagende Freizeitfraktion. Wer Wildstörung ernst nimmt, muss feststellen:

  • Die Hobby-Jagd ist nicht nur Mitregulator, sie ist selbst ein permanenter, hochwirksamer Störfaktor.
  • Sie wirkt genau dort, wo Wild Ruhe bräuchte: in Einständen, an Äsungsflächen, an Wildwechseln und an Übergängen zwischen Wald und Offenland.
  • Sie operiert zeitlich gestreckt: Hochjagd, Niederjagd, Sonderjagd und Spezialjagden ergeben zusammen eine praktisch ganzjährige Störkulisse.

Der Beitrag «Hobby-Jäger in Graubünden haben versagt» bringt es auf den Punkt: Bestände wurden über Jahrzehnte nicht reguliert, sondern dezimiert und in die Nacht verschoben, Verkehrsrisiken erhöht und Wildverbiss an Schutzwäldern produziert, und das alles unter dem Label «Hege».

Die Rolle von Adrian Arquint

Adrian Arquint ist nicht der neutrale Mahner, als den er sich im Interview inszeniert, sondern der Architekt eines Systems, das das Wild zuerst maximal stört und dann seine eigene Störung als «Regulierung» verkauft. Er lobt die Jägerschaft für «grossartige Leistungen», während seine eigenen Zahlen zeigen, dass erst Wolf und Luchs die Hirschbestände drehen und dass jagdliche Aufrüstung die nächtliche Störung explodieren lässt. In dieser Konstellation steht Arquint für eine Jagdpolitik, die Hobby-Jäger schützt, Beutegreifer abwertet und Wildtierschutz nur dann thematisiert, wenn er als Vorwand für mehr Abschüsse taugt. Das ist nicht Management, das ist amtlich organisierte Heuchelei.

Konsequenz aus Wildtierschutzsicht

Aus Sicht eines konsequenten Wildtierschutzes liegt die Lösung nicht darin, den Wolf zu bekämpfen und die Hobby-Jagd weiter zu glorifizieren. Es geht darum:

  • die jagdliche Präsenz zeitlich und räumlich klar zu begrenzen,
  • die Bestandesregulierung langfristig an professionelle Wildhut zu übergeben,
  • Beutegreifer wie Wolf und Luchs als zentrale ökologische Akteure anzuerkennen und zu schützen.

Wer dafür eine konkrete politische Vorlage sucht, findet sie in den Mustertexten für jagdkritische Vorstösse in Kantonsparlamenten, die eine professionelle Wildhut statt Hobby-Jagd und den Schutz aller Beutegreifer nach «Genfer Modell» fordern.

Sika-Hirsch EU-weit invasiv: Hobby-Jagd wehrt sich

Hobby-Jagd-Verbände verteidigen wirtschaftliche Interessen der Zuchtbetriebe gegen EU-Artenschutzrecht, während sie beim Waschbären das Gegenteil fordern.

Die EU stuft den Sika-Hirsch europaweit als invasive Art ein und ordnet bis August 2027 die vollständige Auflösung aller Gehegebestände an. Betroffen sind Tausende Zuchtbetriebe in mehreren Mitgliedstaaten, allein in Österreich rund 250, und ausgerechnet die Hobby-Jagd-Verbände wehren sich gegen die Artenschutzmassnahme.

Was die EU-Verordnung vorsieht

Grundlage ist die Verordnung (EU) Nr. 1143/2014 über die Prävention und das Management der Einbringung und Ausbreitung invasiver gebietsfremder Arten, ergänzt durch die zugehörige Durchführungsverordnung mit der sogenannten Unionsliste. Der Sika-Hirsch wurde neu auf diese Liste gesetzt, weil er sich mit heimischem Rotwild kreuzt und hybride Populationen bilden kann. Die Regelung gilt unionsweit: Haltung, Zucht, Transport und Einfuhr der Art werden künftig verboten. Bereits ab August 2026 sollen männliche und weibliche Tiere getrennt gehalten werden, um weitere Fortpflanzung zu verhindern. Bis Sommer 2027 müssen alle Bestände im gesamten EU-Raum vollständig aufgelöst werden, auch wenn sich die bislang verfügbaren konkreten Zahlen und Reaktionen vor allem auf Österreich beziehen. Eine Entschädigung der Betriebe ist in der Verordnung nicht vorgesehen.

In Österreich sind Schätzungen zufolge rund 7’000 Tiere und mehr als 250 Betriebe betroffen, eine offizielle EU-Gesamtstatistik zu allen Mitgliedstaaten liegt bislang nicht vor. Belastbare Zahlen für andere EU-Staaten mit Sika-Zuchtbetrieben liegen in den ausgewerteten Quellen bislang nicht vor.

Kein direkter Bezug für die Schweiz, aber dokumentierte Bestände

Die Schweiz ist nicht EU-Mitglied und daher nicht an die Verordnung (EU) Nr. 1143/2014 gebunden. Für invasive gebietsfremde Arten gelten hierzulande die Jagdverordnung (JSV) sowie kantonale Vollzugskompetenzen, eine unionsweite Verpflichtung zur vollständigen Bestandsauflösung wie in der EU besteht nicht.

Das bedeutet aber nicht, dass die Schweiz von der Thematik unberührt ist. Wie ein Bericht des Kantons Zürich dokumentiert, existieren im Grenzgebiet zu Deutschland dauerhafte Sikahirsch-Bestände in den Kantonen Zürich und Schaffhausen. Diese gehen unter anderem auf Tiere zurück, die aus privaten Gehegen entkommen sind. Das zeigt: Eingezäunte Gehegehaltung bietet keine verlässliche Garantie gegen die Ausbreitung einer als invasiv eingestuften Art in freilebende Wildpopulationen, auch nicht ausserhalb der EU.

Hobby-Jagd-Verbände positionieren sich gegen Naturschutzrecht

Bemerkenswert ist, wer sich hier gegen eine EU-Massnahme zum Schutz der Biodiversität stellt: allen voran Jagd Österreich und die Österreichische Wildtierstiftung. In Österreich stellen sich Jagd-Österreichs Präsident Anton Larcher und der Präsident der Österreichischen Wildtierstiftung, Max Mayr Melnhof, demonstrativ an die Seite der Farmwildhalter. Larcher kündigte an, Ausnahmeanträge betroffener Betriebe zu unterstützen, sofern die Tiere mit Ohrmarken gekennzeichnet werden.

Diese Positionierung passt zu einem wiederkehrenden Muster: Sobald wirtschaftliche Interessen der Hobby-Jägerschaft und verbundener Zucht- und Vermarktungsbetriebe berührt sind, wird die sonst gepflegte Erzählung von der «verantwortungsvollen Bestandsregulierung» plötzlich gegen den Artenschutz selbst gerichtet. Das Fleisch des Sika-Hirsches wird von den Zuchtbetrieben als Delikatesse vermarktet, mit entsprechend hohem wirtschaftlichem Interesse am Fortbestand der Bestände. Der Verband der Sika-Züchter beziffert den drohenden Schaden allein in Österreich auf rund 16 Millionen Franken.

Doppelstandard: Beim Waschbären gilt das Gegenteil

Wie widersprüchlich die Haltung der Hobby-Jägerschaft gegenüber invasiven Arten ist, zeigt der Vergleich mit dem Waschbären. Auch er steht auf der EU-Unionsliste invasiver Arten, doch hier fordert dieselbe Lobby, die sich beim Sika-Hirsch für den Bestandserhalt starkmacht, eine möglichst intensive Bejagung. Allein in Deutschland wurden im Jagdjahr 2024/2025 laut Deutschem Jagdverband 282’499 Waschbären getötet, mit steigender Tendenz von Jahr zu Jahr. Belastbare Zahlen zu tatsächlichen wirtschaftlichen Schäden durch den Waschbären kann Deutschland dabei nicht vorlegen.

Wissenschaftliche Untersuchungen relativieren zudem die von Jagdverbänden verbreitete Gefährlichkeit der Art. Eine mehrjährige Forschungsarbeit von Dr. Berit Michler zeigte, dass Waschbären vor allem Regenwürmer, Schnecken und Früchte fressen und bedrohte Arten kaum zu ihrem Beutespektrum gehören. Zudem belegen populationsökologische Studien, dass hoher Jagddruck beim Waschbären zu einer höheren Fortpflanzungsrate führt und Verluste durch die Bejagung so kompensiert oder sogar überkompensiert werden.

Der Unterschied zum Sika-Hirsch liegt auf der Hand: Beim Waschbären dient die Einstufung als invasive Art der Hobby-Jägerschaft als Rechtfertigung für eine praktisch unbeschränkte Hobby-Jagd ohne belegten Nutzen für den Artenschutz. Beim Sika-Hirsch, der als kommerziell vermarktbares Farmwild wirtschaftlich interessant ist, wird dieselbe Einstufung plötzlich als «realitätsfern» und «überschiessend» kritisiert. Massgeblich ist offenbar nicht die tatsächliche ökologische Gefährdung, sondern die Frage, wessen wirtschaftliche Interessen jeweils betroffen sind.

Wissenschaftliche Grundlage der EU-Entscheidung

Die EU begründet die Einstufung mit dem Risiko der Hybridisierung zwischen Sika-Hirsch und Rotwild, die zu einer genetischen Vermischung und langfristig zur Verdrängung reiner Rotwild-Populationen führen kann. Dieses Phänomen ist aus mehreren europäischen Ländern dokumentiert, in denen sich freilebende Sika-Bestände etabliert haben. Kritiker verweisen zwar darauf, dass in Österreich bislang keine dokumentierten Fälle von Verdrängung des Rotwilds bekannt seien. Das ändert jedoch nichts daran, dass die EU-Verordnung dem Vorsorgeprinzip des europäischen Artenschutzrechts folgt und präventiv ansetzt, bevor sich aus Gehegeausbrüchen eine unumkehrbare Vermischung der Wildbestände entwickelt, wie sie andernorts, etwa im Grenzgebiet zur Schweiz, bereits eingetreten ist.

Kampagne

Schluss mit der Fuchsjagd

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EU vertagt Bleiverbot bei Jagdmunition auf sieben Jahre

REACH-Ausschuss verschiebt Bleiverbot auf sieben Jahre, Büchsengeschosse bleiben ganz ausgenommen.

Der REACH-Ausschuss der EU-Kommission hat am 25. Juni 2026 eine neue Fassung des Bleiverbots für Jagdmunition gebilligt.

Statt der ursprünglich vorgesehenen achtzehn Monate gilt für Bleischrot künftig eine Übergangsfrist von sieben Jahren, während Büchsengeschosse komplett aus dem Geltungsbereich der Verordnung fallen.

Was am 25. Juni beschlossen wurde

Die Vertreterinnen und Vertreter der EU-Mitgliedstaaten einigten sich im REACH-Ausschuss auf einen Kompromisstext, der das ursprüngliche Verbotsvorhaben der EU-Kommission massiv entschärft. Bleischrot für die Hobby-Jagd soll erst nach einer siebenjährigen Übergangsfrist verboten werden, nachdem der Zeitraum in den vergangenen Verhandlungsrunden schrittweise von drei über fünf auf sieben Jahre gestreckt wurde. Kugelmunition mit Bleianteil, die für Beutegreifer und Schalenwild verwendet wird, wurde ganz aus dem Regulierungsvorhaben herausgenommen. Der Beschluss ist noch kein endgültiges Gesetz. Rat und Parlament müssen den Kompromiss innert dreier Monate absegnen, bevor er als verbindliche Änderung der REACH-Verordnung (EG) Nr. 1907/2006 in Kraft treten kann.

Für die Hobby-Jagdlobby ist der Entscheid ein Erfolg. Der Präsident der französischen Fédération Nationale des Chasseurs, Willy Schraen, wertete das Ergebnis öffentlich als Bestätigung, dass sich die «Realitäten des ländlichen Raums» gegen eine Kommission durchgesetzt hätten, die diese lange ignoriert habe.

Wer die Verzögerung durchsetzte

Treibende Kraft hinter der Verwässerung war ein Bündnis aus Hobby-Jagdverbänden und Munitionsindustrie. Auf europäischer Ebene koordinierte der Dachverband FACE (Federation of Associations for Hunting and Conservation of the EU) die Lobbyarbeit gegenüber dem REACH-Ausschuss und organisierte im November 2025 eine Veranstaltung im EU-Parlament, an der die Munitionsherstellervereinigung AFEMS vor «erheblichen Folgen» für die Branche warnte. In Frankreich bündelten die FNC, der Munitionsherstellerverband SNAFAM und die CSNA ihre Kräfte, um bei der französischen Regierung auf eine Verlängerung der Fristen zu drängen. Mehrere Regierungen, deren Namen in den Sitzungsprotokollen des Ausschusses nicht einzeln offengelegt werden, machten laut übereinstimmenden Berichten aus der Jagdpresse geopolitische und sicherheitspolitische Bedenken geltend: Angesichts der aktuellen Rüstungslage könne man der Munitionsindustrie, die zivile und militärische Produktion parallel betreibt, keine derart rasche industrielle Umstellung zumuten.

Auch innerhalb Frankreichs verlief die Front nicht einheitlich. Während die Umweltministerin eine Frist von fünf Jahren verteidigte, forderte der damalige Innenminister Bruno Retailleau eine Verzögerung auf bis zu zehn Jahre und liess die wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Folgen für die Ausrüstung der Sicherheitskräfte eigens abklären, bevor die Regierung sich positionierte.

Wer sich für ein rasches Verbot einsetzte

Auf der Gegenseite standen die Wissenschaft und der europäische Vogel- und Naturschutz. Die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) hatte bereits 2021 eine umfassende Beschränkung vorgeschlagen, ihre wissenschaftlichen Ausschüsse RAC und SEAC bestätigten 2023 in ihren Gutachten, dass die Risiken für Umwelt und menschliche Gesundheit ein Verbot rechtfertigen. BirdLife International, dessen französische Partnerorganisation LPO seit über zwanzig Jahren für ein umfassendes Bleiverbot kämpft, bezeichnete den ursprünglichen Kommissionsentwurf als «historischen Schritt» und kritisiert die jetzige Verwässerung scharf. Eine von BirdLife getragene Petition für ein EU-weites Verbot sammelte über 61’000 Unterschriften. Als das EU-Parlament 2020 über das vorgelagerte Bleischrotverbot in Feuchtgebieten abstimmte, versuchte die rechtspopulistische Fraktion Identität und Demokratie erfolglos, das Vorhaben per Resolution zu kippen; 499 Abgeordnete stimmten dagegen.

Warum das Verfahren seit Jahren dauert

Die Verzögerungstaktik folgt einem wiederkehrenden Muster, das sich seit dem ersten ECHA-Beschränkungsvorschlag von 2018 beobachten lässt: Jede Verhandlungsrunde bringt eine Verlängerung der Übergangsfristen, ohne dass die zugrunde liegende wissenschaftliche Bewertung sich ändert. Der Streit dreht sich längst nicht mehr um die Frage, ob Blei giftig ist, sondern nur noch darum, wie viele Ausnahmen und wie lange Übergänge die Politik zulässt. Das REACH-Ausschussverfahren begünstigt diese Dynamik strukturell: Weil die Kommission auf eine qualifizierte Mehrheit der Mitgliedstaaten angewiesen ist, reicht eine koordinierte Blockademinderheit, um Fristen im Nachverhandlungsprozess immer weiter zu strecken, ohne das Vorhaben formell zu Fall zu bringen.

Die Situation in der Schweiz

Die Schweiz ist nicht EU-Mitglied und daher an den REACH-Beschluss nicht direkt gebunden, folgt europäischem Chemikalienrecht aber traditionell mit Verzögerung im Rahmen des autonomen Nachvollzugs. National zeigt sich exakt dasselbe Verzögerungsmuster wie in Brüssel. Seit 1998 ist Bleischrot bei der Wasservogeljagd verboten, weitere Bereiche blieben aber jahrelang ungeregelt. Eine Motion von Nationalrätin Martina Munz (SP/SH) für ein weitgehendes Verbot bleihaltiger Munition scheiterte 2023 im Nationalrat denkbar knapp mit 99 zu 94 Stimmen.

Erst die revidierte Jagdverordnung, die per 1. Februar 2025 in Kraft trat, verbietet bleihaltige Kugelmunition ab Kaliber 6 mm für die Hobby-Jagd auf Paarhufer. Doch auch hier gilt eine lange Übergangsfrist: Bis zum 31. Dezember 2029 bleibt die alte Munition erlaubt, damit die Kantone Zeit für die Anpassung ihrer eigenen Erlasse erhalten. Bleischrot ausserhalb von Feuchtgebieten bleibt weiterhin vollständig unreguliert. Das Ergebnis ist ein kantonaler Flickenteppich: Graubünden verbietet bleihaltige Kugelmunition bei der Hochjagd bereits seit 2021, Appenzell Ausserrhoden und St. Gallen sind ebenfalls vorangegangen, während zahlreiche andere Kantone auf eine nationale Lösung warten, die konsequent aufgeschoben wird.

Gesundheitsbehörden warnen unterdessen unverändert: Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) empfiehlt Kindern bis sieben Jahren, Schwangeren, Stillenden und Frauen mit Kinderwunsch, praktisch auf den Konsum von Wildfleisch zu verzichten, weil sich ein Bleianteil aus der Munition nicht ausschliessen lässt. Mehr zu den wissenschaftlichen Grundlagen, der Lobbyarbeit und den politischen Blockaden in der Schweiz liefert das Dossier Bleimunition und Hobby-Jagd: Fakten, Verbot, Lobby-Analyse.

Lied: «Blei im Wind»

Es handelt von den Spuren, die bleihaltige Munition in Tieren und Umwelt hinterlässt.

Luzerner RUEK an Wild beim Wild: «Tonfall mässigen» statt Antworten

Vier Tage nach Fristablauf antwortet der Luzerner RUEK-Präsident Michael Kurmann auf sieben Sachfragen mit einer Tonfall-Mässigung. Im Kanton Zug hat dieselbe Petition eine SWILD-Studie und drei konkrete Massnahmen ausgelöst.

Im Kanton Zug hat die Petition des Luzerner Juristen Pascal Wolf eine 25-seitige SWILD-Studie ausgelöst, deren Befund die Jagdkommission am 16. Juni 2026 zu drei konkreten Massnahmen geführt hat, darunter zum Stopp der proaktiven Förderung der Fuchsjagd.

Im Kanton Luzern hat dieselbe Petition zu einer Plenarabstimmung von 105 zu 0 gegen den Fuchsschutz geführt, zu einer durchgehenden Verweigerung der Anhörung des Petitionärs und zuletzt, am 8. Juni 2026, zu einem zweiseitigen Antwortbrief des RUEK-Präsidenten Michael Kurmann, der auf sieben Sachfragen der IG Wild beim Wild keine einzige beantwortet, dafür aber empfiehlt, sich «im Tonfall etwas zu mässigen».

Zwischen den beiden Innerschweizer Kantonen liegt eine politische Differenz, die sich an einem einzigen Vorgang ablesen lässt: Wolfs Eingabe an die Staatskanzlei. Die einen Behörden bestellten daraufhin eine wildbiologische Fachstudie, die anderen schickten am Ende eine Tonfall-Mahnung. Wer dieselbe Petition mit zwei so gegensätzlichen Antworten beantwortet, beantwortet damit auch eine Frage, die in der Petition selbst gar nicht stand: Wie ernst nimmt eine kantonale Verwaltung das eigene Mandat zur wissenschaftlich fundierten Wildtierpolitik?

Akt I: 11. Mai 2026, das Luzerner Plenum stimmt 105 zu 0

Am 11. Mai 2026 hat der Luzerner Kantonsrat unter Präsidentin Gisela Widmer Reichlin die Petition Pascal Wolfs zum Schutz des Rotfuchses behandelt. Für die Kommission Raumplanung, Umwelt und Energie (RUEK) sprach deren Präsident Michael Kurmann. Er trug die sechs Argumente des Kommissionsberichts vom 23. April 2026 vor: Der Rotfuchs sei eine eidgenössisch jagdbare Art, die Regulierung diene der Vermeidung von Schäden und der Eindämmung von Krankheiten, die Luzerner Verhältnisse seien durch Landwirtschaft und Tierhaltung geprägt, die Luzerner Jagdgesellschaften leisteten einen «zentralen Beitrag im öffentlichen Interesse», eine Unterschutzstellung schwäche die bewährten Strukturen, und auch geschützte Arten müssten «aktiv bewirtschaftet» werden. Fazit: «weder sachlich begründet noch wirtschaftlich sinnvoll».

Bemerkenswert war die einzige Gegenrede der Sitzung. Kantonsrätin Sabine Heselhaus zerlegte den Kommissionsbericht inhaltlich, indem sie den One-Health-Ansatz ins Zentrum stellte. Sie verwies auf das Bundesamt für Gesundheit, das in der Schweiz von rund 10’000 Borreliose-Erkrankungen pro Jahr ausgeht. Sie zitierte die Arbeit von Erik K. Hofmeister und Kollegen, wonach in Gebieten mit höherer Fuchsaktivität deutlich weniger infizierte Zecken vorkommen, weil Füchse das Verhalten der Kleinsäuger verändern und damit die Übertragungskette an die Hauptreservoirwirte unterbrechen. Und sie führte eine französische Langzeitstudie zum Fuchsbandwurm an, derzufolge intensive Bejagung die Prävalenz von Echinococcus multilocularis nicht gesenkt, sondern von rund 40 auf 45 Prozent erhöht hat, weil der jagdliche Druck die Sozialstrukturen der Füchse destabilisiert und zuwandernde Jungtiere den Parasiten weiterverbreiten.

Ihr Schlusssatz wäre in jedem ergebnisoffenen Gremium die logische Konsequenz gewesen: «Gesundheitspolitik darf nicht erst dort beginnen, wo Menschen bereits erkrankt sind. Sie muss auch die ökologischen Zusammenhänge ernst nehmen.» Anschliessend stimmte der Rat mit 105 zu 0 dem Antrag zu, die Petition «im Sinn ihres Berichtes zur Kenntnis zu nehmen». Heselhaus stimmte mit.

Ein Plenum, in dem eine Kantonsrätin die wissenschaftliche Widerlegung des Kommissionsberichts vorträgt und anschliessend einstimmig dem Bericht zustimmt, dokumentiert, was im Luzerner Wildtierregime offenbar bereits Konsens ist: dass Argumente und Abstimmungsverhalten zwei voneinander unabhängige Vorgänge sein dürfen.

Akt II: 21. Mai 2026, sieben Fragen an den RUEK-Präsidenten

Zehn Tage später, am 21. Mai 2026, richtete die IG Wild beim Wild einen offenen Brief an Michael Kurmann. Das Schreiben formulierte sieben präzise, mit Quellen unterlegte Fragen zur Verfahrensführung, zur Luzerner Krankheitsstatistik, zu den jagdinternen Stimmen aus Zürich und Graubünden, zu den behaupteten «erheblichen Mehrkosten», zur fehlenden wissenschaftlichen Grundlage, zur Behauptung, der Schutz des Fuchses bringe «keinen erkennbaren Nutzen, auch nicht für den Rotfuchs selbst», und zur Berücksichtigung des Volkswillens vom 27. September 2020.

Der Brief stellte eine Frist: öffentliche Stellungnahme bis Donnerstag, 4. Juni 2026, in jedem Fall vor der Behandlung im Plenum. Letztere war zu diesem Zeitpunkt bereits abgeschlossen. Die Erwartung an Kurmann lautete: Rückzug des Berichts, Nachholen der Anhörung, transparente Offenlegung der Krankheits- und Kostenstatistik. Andernfalls wurden weitere Vorstösse, eine erweiterte Petition und gegebenenfalls eine kantonale Volksinitiative angekündigt. Die Argumentation stützte sich auf Daten, die im RUEK-Bericht keinen Platz gefunden hatten: die kantonseigene Statistik, wonach im Jagdjahr 2018/19 von 2’217 erlegten Füchsen 39 krank waren, also 1,76 Prozent. Über 98 Prozent der erlegten Füchse waren gesund. Eine Bejagung, die fast nur gesunde Tiere trifft, kann keine Krankheit eindämmen. Mehr dazu im Beitrag Fuchsjagd Luzern: 98 Prozent der erlegten Tiere gesund und in der ausführlichen Analyse Luzern und der Rotfuchs: Wenn Politik Fakten ignoriert.

Akt III: 8. Juni 2026, die Antwort des RUEK-Präsidenten

Vier Tage nach Fristablauf, datiert vom 8. Juni 2026, traf in Acquarossa eine zweiseitige Antwort ein, unterzeichnet von Michael Kurmann, Präsident der RUEK. Geschäftsnummer 2001KR.2022-0379. Der Brief beantwortet keine einzige der sieben gestellten Sachfragen. Stattdessen folgt eine Mischung aus Verfahrenshinweis, Argumentationsverweigerung und Belehrung.

Verfahrenshinweis: Gemäss § 82 der Geschäftsordnung des Kantonsrats erledige der Rat eine Petition durch Kenntnisnahme, weitergehende Folgen seien «nicht möglich». Das ist formal nicht falsch, beantwortet aber keine Sachfrage, denn die sieben Punkte des offenen Briefes betrafen nicht den Verfahrensausgang, sondern die fehlende inhaltliche und wissenschaftliche Tiefe des Berichts.

Begründung der ausgebliebenen Anhörung: «Eine Anhörung ist möglich, aber nicht vorgegeben. Die Kommission hat vorliegend darauf verzichtet. Kriterien sind unter anderen die Dokumentation und Klarheit der Eingabe sowie die Zahl der Eingabesteller. Die Petition war inhaltlich klar und entsprechend dokumentiert. Sie stammte von einer Einzelperson. Eine Anhörung hätte aus Sicht der Kommission keine zusätzlichen Erkenntnisse gebracht, weshalb darauf verzichtet wurde.» Mit anderen Worten: Wer als Einzelperson eine inhaltlich klare Petition einreicht, hat einen schlechteren Anspruch auf parlamentarisches Gehör als eine schlecht dokumentierte Sammelpetition. Eine Begründung, die das Anhörungsrecht von der Personenzahl abhängig macht, dreht die Logik des Petitionsrechts um.

Argumentationsverweigerung: «Auf Ihre inhaltlichen Ausführungen wird nicht näher eingegangen. Die Argumentation im erwähnten Bericht ist durchaus differenzierter.» Ein Satz, der sich selbst widerlegt. Wer behauptet, eine Argumentation sei differenzierter, ohne diese Differenzierung zu zeigen, weicht der Beweislast aus, die ihm die kritische Eingabe vorlegt.

Belehrung: «Selbstverständlich bleibt es Ihnen unbenommen, das Anliegen mit den allen offenstehenden politischen Instrumenten weiterzuverfolgen. Wir empfehlen Ihnen allerdings, sich im Tonfall etwas zu mässigen.» Das ist der einzige konkrete Hinweis auf den Inhalt des offenen Briefes. Ein Kommissionspräsident, dem zur Luzerner Krankheitsstatistik, zum Genfer Modell, zu Luxemburg, zu jagdinternen Stimmen, zum Volkswillen von 2020 und zur Frage einer sachlichen Rechtfertigung im Sinn des Tierschutzgesetzes nichts einfällt, mahnt den Absender zum Tonfall.

Akt IV: 19. Juni 2026, Zug zeigt, was möglich gewesen wäre

Acht Tage nach Kurmanns Antwortbrief, am 19. Juni 2026, hat Landammann Andreas Hostettler im Namen der Zuger Direktion des Innern dem Petitionär Pascal Wolf schriftlich bestätigt, dass die kantonale Jagdkommission an ihrer Sitzung vom 16. Juni 2026 erste Konsequenzen aus seiner Petition gezogen hat. Grundlage war eine Fachstudie, die das Amt für Wald und Wild bei SWILD in Auftrag gegeben hatte: 25 Seiten, verfasst von Dr. Claudia Kistler und Dr. Fabio Bontadina, Mai 2026.

Die Studie kommt zu jenem Befund, den die Luzerner RUEK in ihrem eigenen Bericht hätte berücksichtigen können, wenn sie ihn hätte hören wollen: Die im Kanton Zug praktizierte Patentjagd auf Füchse reduziert weder die Populationsgrösse nachhaltig noch dämmt sie Wildkrankheiten ein. Bejagte Bestände kompensieren Verluste durch erhöhte Fruchtbarkeit der Fähen, durch verbesserte Überlebensraten und durch Zuwanderung aus benachbarten Gebieten. Im Kanton Zug wurden zwischen 2000 und 2025 jährlich rund 308 Füchse erlegt, mit stark sinkender Tendenz, die sich laut Studie nicht durch rückläufige Bestände erklärt, sondern durch nachlassende Schiessbereitschaft der Hobby-Jägerschaft. Zur Veranschaulichung bildet die Studie zwei Fallbeispiele ab: das Genfer Modell ohne Milizjagd seit 1974 und die Erfahrungen aus Luxemburg, wo der Bestand des Fuchsbandwurms nach dem Jagdverbot von 2015 von rund 40 Prozent auf unter 10 Prozent zurückgegangen ist.

Die Zuger Jagdkommission hat darauf drei Massnahmen beschlossen. Erstens werden die Datenerhebungen künftig konsequent nach Jagd, Schadenabwehr, Sonderabschüssen und Fallwild getrennt ausgewertet. Zweitens wird die Fuchsjagd nicht mehr proaktiv gefördert. Drittens informiert das Amt für Wald und Wild die Bevölkerung über die negativen Auswirkungen von Wildtierfütterung auf die Fuchspopulation. Das ist kein vollständiger Kurswechsel und kein Verbot, wohl aber der erste dokumentierte Schritt eines Schweizer Kantons, das eigene Fuchsmanagement an die wildbiologische Forschungslage anzupassen. Mehr Hintergrund im Beitrag Kanton Zug stoppt Förderung der Fuchsjagd und auf der Kampagnenseite Schluss mit der Fuchsjagd.

Zwei Kantone, eine Petition, ein politischer Reifegrad-Test

Pascal Wolf hat in über zwölf Kantonen Petitionen zur wissenschaftlichen Überprüfung der Fuchsjagd eingereicht. Zug hat geprüft. Luzern hat abgewinkt. Glarus hat geschwiegen, wie der Beitrag Fuchsjagd stoppen, Landrat Glarus anschreiben dokumentiert. Basel-Landschaft hat geantwortet, ohne eine einzige Studie zu zitieren, wie die Analyse Landrat Basel-Landschaft anschreiben belegt. Der föderale Vergleich zeigt: Es ist nicht so, dass die Schweizer Kantone in dieser Frage eine einheitliche Sachlage vorfinden würden. Sie reagieren unterschiedlich, weil sie sich unterschiedlich entscheiden, was sie sehen wollen.

Im Vergleich von Zug und Luzern lassen sich drei Differenzen festhalten. Erstens die Bereitschaft zur Drittprüfung: Zug hat extern bestellt, was es selbst nicht abschliessend beurteilen kann; Luzern hat ausschliesslich die kantonseigene Verwaltung konsultiert, deren Status quo in der Petition kritisiert wurde. Zweitens das Verhältnis zur Anhörung des Petitionärs: Zug hat seine Antwort dem Petitionär persönlich zugestellt und auf eine Studie gestützt; Luzern hat eine Anhörung mit der Begründung verweigert, der Petitionär sei eine Einzelperson. Drittens der Umgang mit kritischer Nachfrage: Zug informiert über die getroffenen Massnahmen; Luzern empfiehlt einen anderen Tonfall.

Was die Luzerner Antwort tatsächlich zeigt, ist die Schwelle, an der sich kantonale Wildtierpolitik in der Schweiz heute befindet. Auf der einen Seite eine wachsende Zahl von Daten, Studien, jagdinternen Stimmen und Volksentscheiden, die alle in dieselbe Richtung weisen: Die Hobby-Jagd auf den Fuchs reguliert keine Bestände, dämmt keine Krankheiten ein, schont keine Beutearten und ist gesundheitspolitisch eher kontraproduktiv. Mehr dazu im Dossier «Der Fuchs in der Schweiz». Auf der anderen Seite ein Verwaltungsapparat, der diese Daten zur Kenntnis nimmt, ohne ihre Konsequenzen zuzulassen. Ein RUEK-Bericht, der keine einzige Studie zitiert. Ein Plenum, das mit 105 zu 0 abstimmt, nachdem es im selben Saal eine wissenschaftliche Gegenrede gehört hat. Ein Kommissionspräsident, der auf sieben Sachfragen mit einer Tonfall-Mahnung antwortet.

Die Aufgabe, die die Zuger Direktion des Innern in einer SWILD-Studie sah, sieht die Luzerner RUEK in einer Stilkritik. Das ist die Differenz, die der 8. Juni 2026 hinterlassen hat.

Kampagne

Schluss mit der Fuchsjagd

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Spanien: Doñana trocknet aus, die Hobby-Jagd-Lobby ruft nach Comeback

Während Vögel im Nationalpark an Trockenheit sterben, kursiert in Frankreich und Spanien das Narrativ vom rettenden Hobby-Jäger.

Das französische Hobby-Jagd-Magazin Le Chasseur Français verbreitet eine Erzählung, die in den letzten Wochen quer durch die spanische und französische Jagd-Presse läuft: Im südspanischen Nationalpark Doñana würden Wildschweine seit dem Jagdverbot in spanischen Nationalparks die Nester geschützter Vogelarten plündern.

Die Schlagzeile lautet sinngemäss: Die Hobby-Jäger sind nach ihrer «Vertreibung» zur Hilfe gerufen worden. Die Daten der spanischen Biodiversitätsforschung zeichnen ein anderes Bild.

Doñana stirbt am Wasser, nicht an Wildschweinen

Im Januar 2024 verzeichnete der Doñana Biodiversity Report der staatlichen Forschungseinrichtung CSIC die niedrigste Wasservogelzahl seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1973: nur noch 43’989 Tiere. Der zentrale Lagunenkomplex Santa Olalla fiel das dritte Jahr in Folge trocken. Die Forschenden um Direktor Eloy Revilla benennen dafür eine eindeutige Ursache: anhaltende Dürre, sinkender Grundwasserspiegel, Übernutzung des Aquifers durch industrielle Erdbeer- und Beerenkulturen rund um den Park und die fortschreitende Klimakrise. Die UNESCO erwägt seit Jahren, Doñana auf die Rote Liste des Welterbes in Gefahr zu setzen.

Im gleichen Bericht steht ein Satz, den die Hobby-Jagd-Lobby konsequent verschweigt: Der Wildschweinbestand in Doñana hat 2024 ebenfalls ein Allzeit-Tief erreicht. Auch die Kaninchen sind seit 2013 im Sinkflug, was die Beutegrundlage des Iberischen Luchses bedroht. Wer den Vögeln helfen will, muss das Wasser zurückbringen, nicht das Gewehr.

Eine Studie mit Kunst-Nestern wird zur Kampagne

Die Schlüsselstudie hinter der aktuellen Kampagne stammt nicht aus Doñana, sondern aus dem ebenfalls austrocknenden Nationalpark Tablas de Daimiel in Kastilien-La Mancha (Sebastián-Pardo et al., Ecosistemas 34/1, 2025). Sie wurde am IREC durchgeführt, dem Instituto de Investigación en Recursos Cinegéticos, einem in das Jagdwesen eingebetteten Forschungsinstitut. Die Methode: künstlich angelegte Enten-Nest-Attrappen, 28 Tage Beobachtung mit Fotofallen. Das Wildschwein war der zweitschnellste Nest-Prädator mit einem Durchschnitt von 7,7 Tagen bis zur Zerstörung.

Das ist eine valide methodische Beobachtung. Sie sagt aber nichts über reale Brutverluste, nichts über Populationen, und schon gar nichts darüber, ob Hobby-Jagd in Schutzgebieten daran etwas ändern würde. Eine 2025 im European Journal of Wildlife Research veröffentlichte finnische Vergleichsstudie (Miettinen et al.) kam zum Ergebnis, dass Wildschweine Nester in vergleichbarem Mass plündern wie andere Mittel-Beutegreifer der Region. Aus solchen Befunden eine «ökologische Notlage durch Jagd-Verbot» zu konstruieren, ist redaktionelle Verstärkung, keine wissenschaftliche Schlussfolgerung.

Wenn die Hobby-Jagd das Problem erst schafft

Das eigentliche Paradox: Wildschweinbestände in Spanien wachsen vor allem dort, wo intensiv gejagt wird. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat bereits 2014 berechnet, dass eine Entnahmequote von über 67 Prozent des Bestands pro Jahr nötig wäre, um Populationen dauerhaft zu reduzieren. Übersetzt heisst das: Mehr als zwei von drei Wildschweinen müssten jährlich erschossen werden, ein Wert, der in offenen Populationen mit Zuwanderung aus Nachbargebieten praktisch nie erreichbar ist. Stattdessen reagieren Wildschweine mit kompensatorischer Reproduktion: höhere Wurfgrössen, früher geschlechtsreife Frischlinge, Auflösung der Rottenstruktur durch das Erschiessen von Leitbachen. Hinzu kommt die in Spanien wie in Deutschland weitverbreitete Praxis der Kirrung und Hege-Fütterung durch Hobby-Jäger, die Wildschweine konzentriert anlockt und damit nachweislich das Nest-Prädations-Risiko in der Umgebung erhöht (Oja et al., PLoS One 2015).

Genau diese Logik hat Wild beim Wild im Februar 2026 am Zürcher Wildschwein-Management nachgewiesen und zuletzt am Bündner Nachtjagd-Konzept in der Mesolcina: Die Tessiner Abschusszahlen haben sich zwischen 2015 und 2024 verdoppelt, der Bestand wuchs trotzdem.

Was Doñana tatsächlich helfen würde

Die naturschutzfachlich sinnvollen Schritte sind seit Jahren bekannt und werden gerade nicht von der Hobby-Jagd-Lobby getragen:

  • Sanierung des Aquifers, Rücknahme illegaler Brunnen, Begrenzung der intensiven Beerenkulturen rund um den Park.
  • Rückkehr der natürlichen Beutegreifer. Der Bestand des Iberischen Luchses hat sich seit 2020 fast verdoppelt, der Iberische Wolf besiedelt Teile der Halbinsel zurück. Beide regulieren Wildschwein und Rotwild ohne Bleimunition und ohne Treibjagd.
  • Nicht-letale Fertilitätskontrolle bei Wildschweinen. Erste Feldversuche mit oralen Kontrazeptiva und Immunokontrazeption laufen in Spanien seit 2022. Auch Wild beim Wild fordert diesen Weg konsequent.
  • Strenges Kirrungs- und Fütterungsverbot, weil Anfütterung Wildschweinpopulationen künstlich vergrössert und Nester gefährdet.

Ein vertrautes Muster

Ob Schweizerischer Jagdverband, DJV, Jagd Österreich oder die spanischen Jagd-Föderationen, ob «Schweizer Jäger», «Wild und Hund» oder «Le Chasseur Français»: Die Jagdverbände und ihre Presse betreiben in der DACH-Region wie in Spanien seit Jahren systematische Tatsachenverdrehung, und der Doñana-Fall ist nur ein weiteres aktuelles Beispiel.

Die DACH-Region kennt dieses Drehbuch. Sobald eine Wildtierkrise sichtbar wird, ob Wolf in der Schweiz, Wildschwein in Barcelona oder Vogelschwund in Doñana, formuliert die Hobby-Jagd-Lobby denselben Schluss: Wir sind die Lösung. Dass die Zahl der spanischen Hobby-Jäger seit 2002 um fast 50 Prozent eingebrochen ist, dass spanisches Wildschweinfleisch in Italien und Portugal wegen massiver Blei-Belastung zurückgewiesen wird, dass Portugals Wolfsregionen seit Jahrhunderten zeigen, dass Koexistenz funktioniert, all das gehört nicht zur Schlagzeile.

Schutzgebiete ohne Hobby-Jagd sind keine ideologische Spielerei, sondern wissenschaftlicher Standard. Der Schweizerische Nationalpark ist seit 1914 jagdfrei, der Genfer Kanton hat die Hobby-Jagd 1974 abgeschafft, Luxemburg 2015 die Fuchsjagd. In allen drei Referenzräumen funktionieren die Ökosysteme, ohne dass Bachen mit Nachtsichtgeräten erschossen werden müssen. Doñanas Vögel brauchen Wasser. Den Sündenbock liefert die Lobby gratis dazu.